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Ultracycling · Geschichte

425 Kilometer. Eine Nacht. Und ein ziemlich unerwartetes Ende.

In diesem Beitrag

Die Idee entstand vor einem Bildschirm. Wie so einige Ideen, bei denen man hinterher denkt: Hätten wir einfach noch ein Video geguckt.

Wir sahen auf YouTube Berichte vom Race Across Germany. Lange Strecken, durch die Nacht fahren, irgendwann irgendwo ziemlich glücklich ankommen. Das hatte was.

„Das probieren wir mal aus.“

Also: Diana und ich. Als Zweierteam ohne Support. Von Eschwege nach Görlitz. 425 Kilometer.

Unser Plan? Gemeinsam innerhalb der Maximalzeit ins Ziel kommen. Wenn vorne bei der Zeit eine 19 stehen würde, umso besser.

Platz 1? Hatten wir gedanklich großzügig für andere reserviert.

Schild am Start: Görlitz 425 km über dem durchgestrichenen Ortsnamen Eschwege
Das Ziel steht schon auf dem Schild. Fehlen nur noch 425 Kilometer.

Ein paar Kilometer mehr gehen doch noch

Lange Touren gehören bei uns ohnehin zum Urlaub. Für die Vorbereitung drehten wir deshalb vor allem an einer Stellschraube: mehr Kilometer.

Die Urlaubsetappen wurden länger, die Strecken zu Hause ebenfalls. Noch eine Schleife, noch ein Stück weiter. Ihr kennt das vielleicht: Die kleine Verlängerung auf der Karte ist auf dem Rückweg plötzlich gar nicht mehr so klein.

Trotzdem blieben 425 Kilometer eine andere Hausnummer. Irgendwann hilft dann auch kein Blick auf die Karte mehr. Man muss losfahren.

Marco neben den mit Taschen ausgestatteten Rennrädern im Startbereich des Race Across Germany
Die Räder sind gepackt. Jetzt müssen wir nur noch los.

Erst mal rein in die Nacht

Am Start in Eschwege waren wir aufgeregt. Vor uns lag eine Strecke, vor der wir ordentlich Respekt hatten. Und als Erstes: die Nacht.

Diana und Marco mit Rennrädern und reflektierenden Westen beim gemeinsamen Abklatschen vor der Race-Across-Germany-Startwand
Noch stehen wir vor dem Startbanner. Die gute Laune ist schon unterwegs.

Wir hatten damit gerechnet, irgendwann gegen die Müdigkeit fahren zu müssen. Schwere Augen, müde Beine, der Gedanke an ein Bett.

Dann kam es komplett anders.

Die Müdigkeit blieb aus. Vollständig. Dafür bekamen wir ruhige Straßen und wenig Verkehr. Die Nacht, vor der wir so viel Respekt gehabt hatten, wurde zum angenehmsten Teil der Fahrt.

Einfach unterwegs sein. Gemeinsam Kilometer machen, während auf den Straßen wenig los ist.

Und irgendwann verändert sich das Licht.

Ganz langsam wird aus Nacht Morgen. Wir fahren in den Sonnenaufgang hinein. Kein plötzlicher Wechsel, eher ein allmähliches Aufdrehen der Welt.

Das ist einer dieser Momente, wegen denen man später wieder auf „Anmelden“ klickt. Obwohl die Beine die letzte Anmeldung noch sehr gut in Erinnerung haben.

Unser Supportteam bestand teilweise aus Gummibärchen

Für die Nacht hatten wir ein bisschen Verpflegung eingepackt: Schokoriegel und Gummibärchen.

Überschaubares Team. Gute Moral. Leider keinerlei Bereitschaft, selbst zu treten.

Am Morgen ging es zum Bäcker, später versorgten wir uns an Tankstellen. Ohne Support organisierst du deinen Nachschub selbst. Essen und Getränke gehören damit genauso zur Fahrt wie das Kurbeln.

425 Kilometer sind schließlich auch eine ziemlich lange Strecke zwischen zwei Mahlzeiten.

Dann wurde aus „Wann kommen wir an?“ ein „Kommen wir an?“

Auf den letzten 100 Kilometern bekam Diana Knieschmerzen.

Wir machten häufiger kurze Pausen. Weiterfahren, wieder anhalten, schauen, ob es noch geht. Das gemeinsame Finish, auf das wir die ganze Zeit hingefahren waren, stand plötzlich ernsthaft infrage.

Wenn die Schmerzen zu stark geworden wären, hätten wir abbrechen müssen. Oder ich wäre allein bis ins Ziel gefahren. Dann allerdings ohne gemeinsame Teamwertung.

Die Wunschzeit rückte in den Hintergrund. Es ging jetzt darum, ob wir diese Fahrt zusammen zu Ende bringen konnten.

Die kurzen Pausen halfen. Diana biss sich durch. So kamen wir weiter – und schließlich gemeinsam bis Görlitz.

20:31 Stunden. Geschafft.

Die Ankunft war richtig schön. Gute Stimmung, gemeinsam im Ziel.

20 Stunden und 31 Minuten.

Die erhoffte 19 vorne auf der Uhr war es nicht geworden. Nach den letzten 100 Kilometern war das aber ziemlich nebensächlich.

Wir waren da. Beide.

Etwa 15 Minuten später kam dann die Nachricht, die wir überhaupt nicht auf dem Schirm hatten:

Erster Platz in der Zweierteamwertung.

Die anderen Teams waren zu weit zurück, um unsere Zeit noch zu unterbieten.

Wir waren selbst überrascht. Wir hatten uns angemeldet, um dieses Rennen einmal zu erleben. Wollten finishen. Und jetzt hatten wir unsere Wertung gewonnen.

425 Kilometer lang unterwegs – und die größte Überraschung gab es erst, als wir schon vom Rad waren.

Offenbar war das erst der Anfang

Was bleibt? Die ruhige Nacht. Die Fahrt in den langsamen Sonnenaufgang. Die gemeinsame Ankunft nach einem letzten Abschnitt, der es uns wirklich nicht leicht gemacht hatte.

Und natürlich dieser erste Platz, mit dem keiner von uns gerechnet hatte.

Man könnte danach erst mal die Füße hochlegen.

Wir haben uns wieder angemeldet.

Am 19. Juni 2027 fahren wir als Team die Mosel-Sommernacht: 300 Kilometer in maximal zwölf Stunden. Wieder durch die Nacht. Diesmal mit deutlich mehr Vorfreude auf genau diesen Teil.

Danach wird es noch etwas länger: Am 8. Juli 2027 startet das Race Across Germany von Nord nach Süd. Flensburg bis Garmisch. 1.100 Kilometer. 7.500 Höhenmeter.

Dort fahren Diana und ich jeweils solo.

Alles angefangen mit ein paar YouTube-Videos.

Wir sollten wirklich aufpassen, was wir uns als Nächstes anschauen.

Die Fakten: Eschwege–Görlitz · 425 km · Zweierteam ohne Support · 20:31 Stunden · 1. Platz
Team: Diana und Marco Rupprecht

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